Ein Mann, ein Traum und ein Veilchen in Imolarot

Warum der BMW M3 am besten offen sein sollte / Eine Ausfahrt und die zwangsläufigen Folgen

(SZ vom 28.07.2001)

Sie kennen das? Es steht, wieder einmal, eine automobile Anschaffung ins Haus. Kein tolles Thema, denn auf Anhieb finden sich 1001 Gründe, es bleiben zu lassen. Die Dachfenster sind undicht, die Thujenhecke gehört neu gepflanzt, der Sohn soll ins Internat, und der Sommerschlussverkauf wirft lange, teure Schatten. Aber so leicht gibt Mann nicht auf - im Gegenteil: Er sieht die Welt nach dem vielen Prospekte wälzen bereits mit anderen Augen. Die Purpurveilchen im Garten sind jetzt plötzlich imolarot, der Teich ist Laguna Seca Blau, und besagte Hecke glänzt in oxfordgrün.

Wie das M3 Cabriolet, jenes unwiderstehliche Objekt der Begierde, das bei der besseren Hälfte auf so wenig Gegenliebe stößt. Hat er fünf Türen? Ist der Kofferraum groß genug für einen Einkauf bei der Metro? Kann man damit leichter einparken als mit anderen Cabrios? Hat er nicht, ist er nicht, kann man nicht - aus die Maus.

 

Wenn also das behutsame Einsingen nichts nützt, muss ein Vorführwagen her. Eines Tages steht er da, ganz ohne Vorankündigung, frisch poliert und mitten im Hof. Die Söhne sind begeistert, doch die gnädige Frau würdigt den verführerischen M3 keines Blickes. Dabei ist der M3 ja kein auf Taille geschnittener Macho-Sportwagen, sondern ein durchaus praktischer 2+2- Sitzer mit einem ordentlichen Kofferraum, in den 300 Liter Gepäck - soviel wie ein großer Samsonite - hineinpassen. Der einzige Nachteil ist die zu hohe Sitzposition. Das Verdeck öffnet und schließt auf Knopfdruck. Wenn es zu sehr zieht, kann man per Zentralschalter die Seitenscheiben hochfahren oder das aufpreispflichtige Windschott (eher etwas für Weichlinge) montieren. Bei der Hinfahrt ist der Open-Air-Modus tabu, doch auf dem Nachhauseweg spielt die Frisur keine Rolle mehr.

Statt dessen ist Atmosphäre angesagt: Kühle Nachtluft trocknet die Stirn und Bruckner spielt seine Siebte im Orchester mit 24 Ventilen, sechs Zylindern, vier Auspuffrohren und zwei oben liegende Nockenwellen.

 

Die Strategie des schnellen Erfolgs zieht hier nicht, ganz ohne Frage. Dabei ist der freundliche Beifall in der Familie ja nur der erste Schritt. Viel entscheidender sind die Erfahrungen in der Praxis. Wie kommt man im Alltag mit dem Fahrzeug zurecht? Übersteht die erste Euphorie den nächsten Schlechtwettereinbruch? Taugt das Ding nur zum Querfahren hinauf auf die Alm oder auch für die Langstrecke? Und wie verträgt sich der Charakter des braven Bürgers mit der DNA einer stets heiseren und hypernervösen Muskelmaschine? 1300 Kilometer später wissen wir mehr...

 

...Autobahn München-Lindau, Montag morgen. Zu spät aufgestanden, zu spät losgefahren, zu spät dran. Die Bahn nach Westen ist so leer, wie der Marienplatz morgens um halb drei. Jetzt darf der M3 zeigen, was in ihm steckt. Zum Beispiel handverlesene 343PS, die erst bei 7900 Touren zur Verfügung stehen. Nur ein Ferrari 360 Modena dreht höher, aber der italienische V8 klingt auch nicht besser als das bayrische Sextett mit dem unverwechselbar sonoren Timbre. Obwohl das maximale Drehmoment von 365Nm erst bei 4900/min erreicht ist, braucht der 3,2-Liter-Motor keine hohen Drehzahlen zum glücklich sein. Selbst bei 120km/h kannman den Schaltknüppel ohne weiteres im sechsten Gang stecken lassen, Gas geben und den sanften Schub im Kreuz genießen, der rasch und stetig stärker wird, ehe bei 250 Sachen der Begrenzer dazwischenfährt.Boxenstopp an der Raststätte Illertal. Der 63-Liter-Tank schluckt 64 Liter - doch der Bordcomputer irrt nicht: Der angezeigte Verbrauch von 14,4 Liter auf 100Kilometer ist mit dem tatsächlichen Wert identisch. Natürlich kann man das M3 Cabriolet auch mit elf Liter zügig bewegen, aber in Notfällen wie dem geschilderten nimmt man auch mal die Vergnügungssteuer beim Tanken in Kauf.

Hinter Ulm biegen wir ab in Richtung Schwäbische Alb. In dieser Gegend muss der liebe Gott die Kurve erfunden haben, und danach hat er wohl zwischen Ehingen und Hechingen die Erde gesegnet, auf dass hier nie im Leben eine Radarfalle gedeihen möge. Mit eingeschaltetem DSC beschleunigt der immerhin 1730 Kilo schwere Wagen in 5,5 Sekunden von Null auf 100km/h. Dabei beeindruckt vor allem die unverschämt sämige Art der Kraftentfaltung. Die Kupplung versteht sich blind mit dem perfekt abgestuften Sechsgang-Getriebe, und wem das Ansprechverhalten des Vierventilers noch immer nicht prompt genug ist, der greift zur Spaß-Taste mit der Aufschrift Sport, was den Weg des Gaspedals um ein Drittel verkürzt.

Die Straßenlage hat die Qualitäten eines mobilen Saugnapfes, der Fahrbahnkontakt der Lenkung ist so innig wie der erste Kuss, und die vier Scheibenbremsen derart kraftvoll zu, als wären die Beläge mit Tigerzähnen gespickt.

 

Ein Auto ohne Fehl und Tadel also? Nicht ganz. Das modifizierte Fahrwerk ist speziell in Verbindung mit den aufpreispflichtigen 19-Zoll-Felgen immer noch zu stoßig, die Lenkung ist eine Spur zu leichtgängig und die Richtungsstabilität lässt sich zu bereitwillig durch Spurrillen und Querrinnen irritieren. Trotzdem: das M3 Cabrio ist eine Fahrmaschine der ganz besonderen Art.

Zwei Tage später: willkommen zu Hause. Ein Blick, und alle wissen Bescheid. Vater strahlt, schweigt beredt mit leicht gerötetem Haupt, murmelt etwas wie "116000 Mark sind schon ziemlich viel Geld". Die letzte Diskussionsrunde dreht sich um Farbe und Ausstattung.

Das Ergebnis ist zweitrangig, der Traum ist das Ziel.

 

 





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